Es ist verwirrend. †berall hŠngen Klarsichtfolien. Mitten
im Museum. In den Klarsichtfolien drinnen: Dinge, wie sie in jedem Haushalt
anfallen. Jede Menge kleiner AlltagsgegenstŠnde Ð eine leergedrŸckte Tube
Alleskleber, ein nicht ausgefŸllter Lottoschein, eine abgegriffene Spielkarte,
eine Bierkapsel. Ein langer Nagel, eine kleine Packung WŸrfelzucker, wie man sie
in GaststŠtten zum Kaffee gereicht bekommt, ein Teil aus einem Puzzle-Spiel. Auf
jeder Klarsichtfolie klebt ein grŸner Punkt. Und eine kurze, maschingeschriebene
Aufforderung. Zum Beispiel: "Halte mich!" Oder: "BerŸhre mich!" Oder: "KŸsse
mich!" Es ist Kunst. Es ist ein gro§es Kunstprojekt zum Thema Aids. Der
KŸnstler: ein Tiroler. Sein Name: Franz Wassermann.
Wassermann hat Leute, die mit dem HIV-Virus infiziert sind, gebeten, ihm AlltagsgegenstŠnde aller Art zur VerfŸgung zu stellen. Die GegenstŠnde, die ansonsten sehr wahrscheinlich am MŸllberg gelandet wŠren, wurden daraufhin zu Kunstobjekten weiterverarbeitet: einzeln in die Folien verpackt, die Folien verschwei§t, mit grŸnem Punkt und einer schriftlichen Aufforderung nach zwischenmenschlichem Kontakt beklebt. Wie gesagt: Es ist verwirrend. Es ist Kunst. "Jedes dieser Objekte ist eine bewu§t gesetzte Metapher", sagt Wassermann. Der Titel des Gesamtkunstwerks trŠgt zusŠtzlich zur anfŠnglichen Verwirrung bei: "Barbie und Ken sind hiv-positiv".
Der Betrachter ist gefordert, aus dem Dschungel der Verwirrung selbst herauszufinden. Er ist gefordert, seine Gedanken zu entwickeln und sich Klarheit zu verschaffen Ð Klarheit darŸber, wie das eigentlich ist mit Aids und dem Aids-Erreger. Wie es den Leuten geht, die infiziert sind. Wie ihren Angehšrigen. Wie ihren Freunden. Einmal mit dem Denken begonnen, wird man gar nicht so schnell wieder aufhšren damit. Dem Betrachter, der bereit ist zu sehen, geht bald einiges durch den Kopf. Einiges geht ihm durch Mark und Bein.
Da sind zunŠchst die GegenstŠnde. Auf den ersten Blick nichts Ungewšhnliches. Im Gegenteil: Alles schon einmal gesehen, selbst schon in den HŠnden gehabt, Ÿberhaupt nichts Neues. Aber: Diese GegenstŠnde Ð sie haben HIV-Positiven gehšrt. Infizierten MŠnnern und Frauen. Tuben, Karten, Zettel, Stifte, MŸnzen, Abzeichen, BŸcher, Werkzeuge: Alle kšnnten Ð auszuschlie§en ist das nicht Ð irgendwann und irgendwo mit dem Virus in Kontakt gekommen sein. Freilich: Ansteckungsrisiko gibt es hier keines. Das wei§ man. WŸrde man die Sachen berŸhren, es kšnnte nichts passieren. Aber man kann gar nicht. BerŸhren unmšglich.
Die GegenstŠnde sind in Klarsichtfolien eingeschwei§t. Wassermann sieht darin die Isolation derer ausgedrŸckt, die infiziert sind. "Die …ffentlichkeit geht enorm brutal um mit den Betroffenen", sagt er. Man will mit ihnen nichts zu tun haben, man grenzt sie aus und vertreibt sie hinter eine unsichtbare Wand. Wassermann: "Ich kann die GegenstŠnde berŸhren und trotzdem nicht berŸhren Ð man mŸ§te die Folien zerstšren, um die GegenstŠnde angreifen zu kšnnen." Die Folien schŸtzen aber auch. Sie schŸtzen die transparent verpackten GegenstŠnde vor unerwŸnschtem Zugriff, vor FingerabdrŸcken und Handgreiflichkeiten. Umgekehrt darf sich der Betrachter sicher fŸhlen. Selbst fiktive Ansteckungsgefahren sind gebannt. "Barbie und Ken sind hiv-positiv": Dieser Satz ist so absurd wie die BerŸhrungsangst. Puppen kšnnen nicht infiziert werden. Ebensowenig ist der HI-Virus durch HŠndeschŸtteln Ÿbertragbar.
Die GegenstŠnde sind weggepackt und isoliert. Was bleibt, ist das BedŸrfnis nach Kontakt. Die eingeschwei§ten Objekte bitten um Zuwendung. "Entdecke mich", sagt die ZahnbŸrste. "Schlage mich", fleht die TV-Programm-Zeitschrift. Zwei Fernsehsprecherinnen lŠcheln vom Cover. "Morde mich", bittet eine Schei-be Brot, die hart geworden und in zwei Teile auseinandergebrochen ist. Die Botschaften sind einheitlich in Schreibmaschinschrift abgefa§t. Wassermann bleibt damit bewu§t kalt, bewu§t unpersšnlich. Er hat auch dem Stigma Aids Form und Farbe gegeben. Auf jeder Folie klebt ein grŸner Punkt. In den Tiroler Kliniken wird er als Zeichen fŸr den HI-Virus verwendet. Wassermann: "Mit dem grŸnen Punkt werden HIV-Karteien und infektišses Material markiert."
Das Stigma klebt an den HIV-Positiven fest. Selbst Leute, die ebenso informiert sind wie tolerant, mŸssen Ÿber eine gar nicht so niedrige Hemmschwelle. Ein Besucher bei der ersten PrŠsentation der eingeschwei§ten Folien: "Man schreckt vor BerŸhrungen mit Betroffenen zurŸck. Man wischt sich die Hand an der Hose ab, mit der man einen HIV-Positiven begrŸ§t hat."
Wie Wassermann auf die Idee gekommen ist, sich kŸnstlerisch mit dem Thema Aids auseinanderzusetzen? Einer seiner Freunde ist seit fŸnf Jahren HIV-positiv. Und Wassermann wollte etwas tun gegen die Tabuisierung der Krankheit Aids, gegen die Isolation der Betroffenen. Wassermann: "Die Gesellschaft schweigt die Betroffenen tot." Sein Freund hat zweierlei Reaktionen erfahren: extreme Ausgrenzung und extremes Mitleid. Beides ist schlecht. Beides erschwert denen, die infiziert sind, das Leben mit dem Virus. Beides drŠngt die Betroffenen in die Isolation.
Tausende Besucher im Museum Arbeitswelt haben sich Gedanken gemacht Ÿber "Barbie und Ken". Sie haben sich mit einem Tabu-Thema beschŠftigt und dadurch enttabuisiert. Die Auseinandersetzung mit Franz Wassermanns Kunstobjekt ist eine Metapher fŸr den Umgang mit Aids. Nicht in jedem Fall geht das gut.
Beim Wiener Life-Ball im Mai 1996 landeten Wassermanns einge- schwei§te AlltagsgegenstŠnde am MŸll. Die Putzmannschaft, die am Tag nach der rauschenden Ballnacht auszog, die Spuren der Fest-Veranstaltung zu beseitigen, hatte die gefŸllten Folien fŸr Dekoration gehalten und zusammen mit zerbrochenen GlŠsern, kurzgerauchten Zigarettenkippen und anderem Abfall einfach entsorgt. "Wie ich am nŠchsten Tag zur Garderobe gekommen bin, da habe ich drei grŸne MŸllsŠcke stehen gesehen Ð da war die ganze Ausstellung drinnen", erinnert sich Wassermann. Und weiter: "FŸr mich ist das ein Symptom dafŸr, wie mit Aids umgegangen wird. Man feiert ein rauschendes Fest, bei dem die Prominenz gesehen werden will, und vergi§t dabei, worum es geht. Die VerdrŠngung funktioniert vielleicht noch besser als sonst."
| Aus: MUSEUM INDUSTRIELLE ARBEITSWELT - JOURNAL
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